Moin!
Irgendwann zu Studienzeiten habe ich mal beschlossen, sämtliche ostfriesischen
Inseln auszuprobieren, nachdem ich mehr aus Zufall zum ersten mal dort gelandet
war. Während des Studiums wurden dann doch andere Dinge wichtiger, und ich
musste den Plan auf Eis legen. Nach ein paar Jahren Nordsee-Pause war ich letztes
Jahr mal wieder auf einem Kurztrip bei den Nordfriesen, kam dann aber doch wieder
reumütig zu den Ostfriesen zurück. Die Auswahl der noch nicht besuchten
Inseln war nun dieses Jahr nicht mehr so groß, zwischen Juist und Langeoog
habe
ich mich für letztere entschieden. Aus dem Jugendherbergsalter bin ich inzwischen
raus (oder noch nicht wieder drin, als Senior fühle ich mich noch nicht),
also habe ich mir von der Kurverwaltung Langeoog das Unterkunftsverzeichnis schicken
lassen. Dieser Prospekt ist sehr zu empfehlen, auf dem Ortsplan ist jedes Haus
eingezeichnet, man sieht also genau, wo die Unterkunft ist. Für mich sollte
es ruhig, günstig und mit Frühstück sein. Und ein Einzelzimmer;
nicht ganz einfach zu finden auf dieser Familieninsel. In der engeren Wahl war
sofort "Haus Ostend", erstens wegen des Preises und zweitens wegen
der Lage.
Sah auf dem Ortsplan und auf dem Foto gut aus, aber was würde mich zu dem
Preis dort erwarten? Bei einem Streifzug durchs Internet bin ich dann auf der
Homepage von Udo Meinders aus Köln gelandet. Den kannte ich zwar nicht,
aber wenn er diese Pension schon empfiehlt, muss er damit rechnen, dass ich ihm
eine E-mail schreibe und genauer nachfrage. Udo hat mir das Haus dann auch sehr
ausführlich beschrieben, daraufhin habe ich gleich bei Mareke Gastmann gebucht.
Und daraus wurde ein absolut herrlicher Urlaub. OK, ich hatte großes Glück
mit dem Wetter, Mitte Juni 2000 war super. Die Unterkunft hat das ganze aber
erst richtig abgerundet.
Das Haus selbst ist offenbar schon etwas älter, jedenfalls knarren die Dielen
auf dem Gang und auf der Treppe bei jedem Schritt. Die Zimmer sind einfach eingerichtet,
d.h. Bett(en), Tisch, Stühle, Kleiderschrank, Waschbecken, Radiowecker.
Toiletten und Dusche werden gemeinsam benutzt. Da war ich erst etwas skeptisch,
aber alles ist sehr sauber und bei 10 Zimmern mit maximal 17 Gästen (wenn
ich richtig gerechnet habe) kommt man sich höchstens mal vor der Dusche
in die Quere. Es gibt noch einen großen Frühstücks- und Aufenthaltsraum
mit einem Kühlschrank, wo man Lebensmittel lagern kann und einem Kühlschrank
mit Getränken. Geschirr für Abendessen wird zur Verfügung gestellt.
Faszinierend fand ich, dass es in 14 Tagen jeden Tag eine andere Frühstücksmarmelade
gab. In der Ruhe der Nordseeinsel lernt mal die kleinen Dinge des Lebens wieder
zu schätzen... Hinter dem Haus liegt ein großer Garten, in einem weiteren
Gebäude gibt es noch vier Ferienwohnungen mit höherem Standard. Wer
also keine Lust auf sanitäre Gemeinschaftseinrichtungen hat oder unbedingt
einen Fernseher braucht, muss auf die tolle Lage der Ferienunterkunft trotzdem
nicht verzichten.
Im Prospekt der Kurverwaltung fand ich zum Haus Ostend den Hinweis "keine Haustiere".
Das liegt aber nur daran, dass es schon genug gibt: drei Katzen und ein Hund
bevölkern das Gelände. Meist sieht und hört man aber nichts von
ihnen. Nur eine der Katzen, eine ziemlich rundliche ältere Dame, hat ihren
bevorzugten Aufenthalts- (Schlaf-) platz auf der Bank vor der Haustür. Sie
hat ein sehr einnehmendes Wesen, oder anders gesagt: wenn man mal angefangen
hat, sie zu kraulen, hat man keine Chance mehr, morgens unbehelligt aus dem Haus
zu kommen. Sie fordert dann sehr direkt ihre Streicheleinheiten. Und wenn man
ihr nach zehn Minuten beizubringen versucht, dass man jetzt an den Strand gehen
will und sie vorsichtig vom Schoß runterhebt, lamentiert sie jedes Mal, dass
sie seit einer Woche nicht gekrault worden sei und dass man doch jetzt nicht
weggehen könne. Das hindert sie aber nicht daran, sich höchst zufrieden
zusammenzurollen und weiterzuschlafen, sobald man sie auf die Bank gesetzt und
schlechten Gewissens das Grundstück verlassen hat. Für Nicht-Katzenliebhaber:
wenn man sie einfach ignoriert, lässt sie einen auch in Ruhe. Auch die anderen
Tiere sind eher zurückhaltend, da muss man als Mensch schon den ersten Schritt
machen.
Vom Haus Ostend sind es zu Fuß ca. fünf Minuten bis zum Strand am
Dünenübergang
Gerk sin Spoor. Vorbei am ehemaligen Lale Andersen Haus und am Dünenfriedhof
erreicht man das Meer gerade an der Stelle, wo man sich zwischen Strandkorbstrand
und Nicht-Strandkorbstrand entscheiden kann. Nach links geht's zum bewachten
Badestrand, zu Strandkörben und Sandburgen, oder mehrere Kilometer auf einem
Holzbohlenweg bis zur anderen Seite des Ortes, und dann weiter bis ans Südwestende
der Insel. Nach rechts gibt's keine Strandkörbe, keinen Weg, dafür
genug Platz zum Drachensteigen, Sonnenbaden und Strandwandern. Nicht zu übersehen
ist die Gewalt des Meeres, das hier auf mehrere hundert Meter große Teile der
Dünen mitgerissen hat. Gerade wurden lange Reihen von mannshohen Ästen
und Zweigen in den Strand davor gesteckt, damit sich der Flugsand darin verfängt,
liegen bleibt, und so diesen Teil der Dünen langsam wieder aufbaut. Zwischen
den Gehölzreihen ist genug Platz zum windgeschützten Sonnenbaden. Und
solange man sich bewusst ist, wie wichtig diese "Anpflanzungen" für
die Insel sind und sie nicht beschädigt, wird wohl auch erst mal niemand
etwas dagegen haben, wenn man es sich dort bequem macht. Von hier aus kann man
am Flutsaum entlang auch bis zum Ostende der Insel wandern. Dafür sollte
man aber schon ein wenig trainiert haben (es sind doch rund 8 km) und immer daran
denken, dass man den Weg auch wieder zurück muss - bei Gegenwind. Sobald
man an der Jugendherberge vorbei ist (nach ca. 45 min) gibt es keinen Übergang
mehr über die Dünen. Hier wird es immer einsamer am Strand, denn man
muss entweder am Strand wieder zurück, oder wirklich bis zum Ostende marschieren.
Von dort kommt man auf einem Wander- und Fahrradweg durchs Inselinnere wieder
zurück. Das ist sicher weniger anstrengend als am Strand entlang, Muskelkater
gibt's aber so oder so. In weniger als 100m Entfernung zur Pension gibt es aber
auch mehrere Fahrradverleiher, die zu zivilen Preisen inseltaugliche Gefährte
anbieten (mehr als drei Gänge braucht man wirklich nicht). Damit wird der
Trip zum Ostende der Insel viel weniger anstrengend und man ist noch fit genug,
um sich über die Seehunde zu freuen die dort sonnenbaden.
Das "Haus Ostend" liegt - wie der Name schon vermuten lässt - am Ortsrand,
direkt daneben beginnt das Naturschutzgebiet. Hier lässt sich gut wandern
oder Rad fahren. Nach 5 min mit dem Fahrrad erreicht man das Jagdgebiet einer
Eule. Mit etwas Glück sitzt sie gerade auf einem der Zaunpfähle neben
dem Weg und beobachtet ihr Revier. Erfahrungsgemäß sitzt sie dort
genau so lange, bis man realisiert hat, dass da am helllichten Tag eine Eule
sitzt, möglichst lautlos gebremst, die Kamera aus dem Rucksack geholt, das
Objektiv gewechselt und auf das Tier gerichtet hat. Ungefähr zwei Sekunden
bevor man eines dieser Fotos hätte schießen können, um das einen
jeder
beneidet (Portrait einer Sumpfohreule auf rustikalem Pfahl vor Dünenlandschaft
im klaren Morgenlicht, oder leicht von unten gegen den dramatischen Himmel freigestellt,
womöglich mit ausgebreiteten Flügeln...), fliegt sie lautlos davon
und zieht ihre Kreise in fotografisch unerreichbarer Entfernung. Mit schussbereiter
Kamera dort vorbeizufahren hat sich als völlig sinnlos herausgestellt, dann
ist die Eule nicht da. Weiter in dieser Richtung kommt man z.B. zur Melkhörndüne,
der höchsten Erhebung Langeoogs. Vom Gipfel des knapp 20 m hohen "Berges"
hat
man einen schönen Blick über das Naturschutzgebiet. Dahinter geht es
auf dem schon erwähnten Weg weiter Richtung Ostende. Wendet man sich am
Anfang des Naturschutzgebietes nach Süden statt nach Osten, kann man unter
Umgehung des Ortes am Deich entlang Richtung Hafen fahren. Der ist weniger interessant,
aber auf halbem Weg dahin kann man zu einem Supermarkt abbiegen (am Schniederdamm),
der deutlich billiger ist als die anderen im Ort. Der etwas weitere Weg (im Vergleich
zum Ortszentrum) zu diesem "günstigen" Supermarkt ist wirklich zu empfehlen,
denn das Preisniveau auf der Insel ist doch deutlich höher als auf dem Festland.
Apropos Supermarkt: auch in der Servicewüste Deutschland ist es durchaus
möglich, dass die Geschäfte sonn- und feiertags wenigstens für
ein paar Stunden geöffnet haben! Ein Service, den ich nach dem Urlaub schon
schmerzlich vermisst habe.
Für mich ist der Strand an Gerk sin Spoor der schönste und sympathischste
der Insel. Insofern ist die Lage des "Haus Ostend" geradezu als ideal zu bezeichnen,
näher dran geht kaum noch. Natürlich kommt man auch von jeder anderen
Unterkunft auf der Insel relativ schnell überall hin, der Ort Langeoog ist
nicht sehr groß. Aber warum sollte man für möglicherweise mehr
Geld weiter vom Meer entfernt und weniger schön wohnen? Die Pension "Haus
Ostend" und die Ferienwohnungen "Haus Dünenblick" liegen ruhig, mit Blick
auf die Dünen und direkt am Naturschutzgebiet, abends kann man über
die Dünenkette hinweg das Meer murmeln hören - sonst hört man
nichts, sobald die Vögel schlafen gegangen sind. Man kann abends ewig am
Strand sitzen und wenn es zu kühl wird kurz mal "nach Hause" gehen, eine
Jacke holen. Ist doch blöd, wenn man dafür eine halbe Stunde unterwegs
ist oder sich aufs Rad schwingen muss. Wer jemals abends an der Nordsee in einem
Strandkorb sitzend einen leckeren Rotwein genossen hat, wird mir sicher zustimmen,
dass dieses Erlebnis keine lange Unterbrechung verträgt.
Die Gastmannschen Unterkünfte sind für Party-People wohl weniger geeignet. Wer aber auf meine Art die Nordsee liebt und dorthin fährt, um mal so richtig die Seele baumeln zu lassen, um sich das Hirn durchpusten zu lassen, wer auf andere (genaugenommen auf gar keine) Gedanken kommen will, meditative Wanderungen am Strand liebt und eine Behausung zum wohlfühlen braucht, wer zu den Leuten gehört, die den Strandkörben beim rumstehen zuschauen können, wer sich mit Möwen unterhält und als Erwachsener über die Schaukeln am Strand freut, der ist hier sicher gut aufgehoben. Ich habe mich in den zwei Wochen im "Haus Ostend" jedenfalls richtig zuhause gefühlt und wunderbar erholt.
Wenn ich noch mal auf Langeoog Urlaub mache, werde ich mir sicher keine andere Unterkunft suchen.
Ich wüsste wirklich nicht, warum.
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